Warum Pi mal Daumen im Baumarkt keine gute Idee ist

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Mein Freund und ich sind auf dem Weg in den Baumarkt. Wir ziehen demnächst zusammen. Da steht so einiges auf der Einkaufsliste, was wir im Baumarkt besorgen müssen: Weiße Wandfarbe, Malerkrepp, Pinsel, Rollen, Abdeckplane etc. Wer schon mal umgezogen ist, weiß, dass die Liste lang ist. 20% auf alles - außer Tiernahrung verkündet die verführerische Werbung des Baumarkts. Weil wir total schlau sind, und uns den Rabatt natürlich nicht entgehen lassen wollen, sitzen wir nun also an einem Brückentag im Auto, bestens gelaunt, nichts wissend, auf dem Weg in unser Verderben. Was wir nämlich nicht einkalkuliert haben, ist, dass es auch noch andere Menschen gibt, die am Brückentag frei haben und gar nicht mal so dumm sind. Die wollen ALLE die 20% abkassieren. 


Auf dem Baumarktparkplatz macht es dann doch auch langsam in unserem Hirn Klick. Wir reihen uns Stoßstange an Stoßstange in die Autokolonne ein, die sich langsam, aber sicher über den Parkplatz schiebt. In Zeitlupe. Oder noch langsamer. Mit hoher Geschwindig- und Wahrscheinlichkeit bekomme ich auf jeden Fall die Krise. Große Menschenansammlungen sind für Hochsensible meistens kein Spaß. In diesem Fall heißt es aber leider Augen zu und durch. Mit einem todesmutigen Fahrmanöver büchst mein Freund aus der Kolonne aus und fährt gegen die Fahrtrichtung in eine Parkgasse rein. Mutig, der Mann! Er hat einen Parkplatz erspäht und mogelt sich in letzter Sekunde vor einen Fiat Panda, der gerade ausholen und den Blinker setzen wollte. Sorry, not sorry! Im Krieg und auf dem Baumarktparkplatz gelten nunmal eigene Regeln. Vor lauter Glück ignorieren wir den Parksensor in unserem Auto, der auf einmal piepst. Das Piepsen geht mit einem Schlag in ein Krachen über. Wir haben den erhöhten Bordstein geküsst. Shit! Dass die das aber auch nirgendswo hinschreiben! Den kleinen Kratzer an der Stoßstange können wir verschmerzen. Besser als der Fahrer vom Fiat Panda, dass er keinen Parkplatz bekommen hat.


Erstmal geschafft. Das Auto steht. Puh. War schonmal nicht ohne, die Parkaktion. Hier wird ums blanke Überleben gekämpft. Stehen ja immerhin „20% auf alles” auf dem Spiel. Wir gehen auf jeden Fall „All in”! Mein Hirn ist zu diesem Zeitpunkt schon reizüberflutet und fängt langsam an zu vibrieren. Ich ignoriere die Schwingungen zwischen meinen Ohren und wir setzen uns in Bewegung. Die Schiebetüren gehen auf und vor uns sehen wir … eine Schlange, die sich durch den ganzen Baumarkt zieht. Bis ich kapiere, dass das die Schlange von Kasse 1 ist, vergehen ein paar Sekunden. Wertvolle Sekunden, in denen uns Wilfried Pasulke womöglich den letzten Farbeimer oder Pinsel vor der Nase wegschnappt, weil er seine Schrebergartenhütte mal wieder renovieren will. Wir setzen zum Sprint an.


Während ich beim Laufen nach einer DIY-Anleitung google und auf meinem Handy rumdaddele, rennt mein Freund zielsicher durch das Labyrinth von Rasenmähern, Spachteln, Schrauben und Sanitärgegenständen. Für mich ein Rätsel. Alle Gänge sind hier mit zig Anweisungen beschriftet und machen den Baumarkt zu einem Irrgarten für weibliche Wesen wie mich. Dübeln, bohren, löten, messen, sägen, schrauben … Ich muss zugeben: nicht ganz meine Welt. Allein diese Wörter strengen mich an und machen mich irgendwie nervös. Hier braucht es eindeutig Testosteron. Meins läuft schnurstracks vor mir, ich hinterher. Das Handy habe ich mittlerweile weggepackt, nachdem ich einem Mann, der total interessiert 3 verschiedene Packungen Nägel inspiziert hat (ja wirklich, voll interessant. NICHT!), in die Hacken gelaufen bin und einen bösen Blick geerntet habe.


Wir haben die Renovierungsabteilung gefunden. Vor uns reiht sich ein Farbeimer an den nächsten. Das Problem: Die sind alle weiß. Wo verdammt ist jetzt hier der Unterschied?! Von der täglichen Werbeflut geleitet, greife ich zuallererst nach dem Eimer mit der schneeweißen Katze. Die steht für Reinheit und ist süß zugleich. Kann man nix falsch machen, oder? Ha! Denkste! Die Rechnung habe ich ohne mein Testosteron-Navigationsgerät gemacht. „Diese Farbe kann man nicht nehmen, weil, das ist ja strahlendweiß und sowieso” … Ups, jetzt stehen meine Ohren auf Durchzug. Wie viel Farbe brauchen wir eigentlich? schießt es mir durch den Kopf? „Wir machen das Pi mal Daumen”, sagt mein Freund. Pi mal Daumen? Spinnt der? Als Hochsensible mache ich mal GAR NICHTS einfach so Pi mal Daumen! Wir müssen doch die Wände genau ausmessen und dann die Quadratmeter ausrechnen und dann die Wurzel ziehen und eine Rechenprobe machen und … Mittlerweile sind wir beide etwas lauter geworden und erfüllen jedes Baumarkt-Klischee, das Mario Barth jemals aufgestellt hat. Da ich Mrs Always Right bin, entschließe ich mich, einen Mediator dazuzuholen. Im Baumarkt ist das ein Mitarbeiter, der meistens in der falschen Abteilung rumläuft und nie Zeit hat. Ich quatsche den netten Herrn in Knallorange an und setze meinen “Ich-bin-eine-Frau-und-total-verloren-Blick” auf. „Also eigentlich ist da mein Kollege zuständig, aber werde mal schauen, was ich für Sie tun kann.” lautet seine Antwort. Was für eine Überraschung. 


Die Mediation dauert gute 3 Minuten, wir gehen ohne Katze und mit Pi mal Daumen nach Hause. Männer unter sich. Was für eine Niederlage. In unserem Einkaufswagen befinden sich außerdem mittlerweile eine Teleskopstange mit Farbrolle, Malervlies, Malerkrepp und zwei Farbeimer für das Schlafzimmer und das Wohnzimmer. Eine Wand soll jeweils ein Highlight setzen. Mein Highlight sind eher die Farbnamen auf den Blechdosen: Nebel im November und Ruhe des Nordens. Ruhe im Baumarkt wäre mir eindeutig lieber. Ich möchte jetzt gerne in die Blumenabteilung gehen und mich mit den Gartenzwergen unterhalten. Die nehmen mich wenigstens ernst! 


Als wir uns wenige Minuten später in die Schlange, die in der Sanitärabteilung zwischen Kloschüsseln beginnt und sich gefühlt durch den halben Baumarkt schlängelt, einreihen, bekomme ich ein Gespräch von einem anderen Pärchen mit. Die beiden stehen vor einem Regal mit Haushaltsartikeln und streiten darüber, welcher Staubwedel denn den Staub am besten wedelt. Halleluja, dagegen war unsere Farbdiskussion ja geradezu harmlos. Am Ende setzt sich der Testosteronriese in Bezug auf das Modell durch und sie bestimmt das Aussehen. “Wir nehmen aber die Mädchenversion” verkündet sie und packt selbstbewusst die pinke Variante vom Staubwedel 3000 in den Einkaufswagen. Dann wäre das also auch geklärt.


Um die Wartezeit nicht nur mit Schadenfreude zu verbringen, stellen wir kreative Dinge mit unserem Einkaufswageninhalt an. Als ich nicht hinschaue, hat mein Freund sich die Teleskopstange mit der Rolle vorne dran geschnappt und rollert mir aber den Rücken. Er stellt sich vor, dass er mich weiß anstreicht und hat den Spaß seines Lebens. Männer sind Gott sei dank sooo einfach glücklich zu machen. Vor allem im Baumarkt. In der Zwischenzeit werfe ich einen Blick auf das Malervlies, das mein Freund in den Wagen geworfen hat. Hochsensible, so auch ich, lesen meistens auch den Text in Schriftgröße 8 auf Verpackungen. Gott sei Dank! Das „Malervlies” für 25 €, das mein Freund in den Wagen geworfen hat, weil wir das UNBEDINGT brauchen, ist nämlich gar kein Malervlies, sondern ein Renoviervlies, das die klassische Raufasertapete ablösen soll! Kleinlaut nuschelt mein Freund irgendwas mit „Immer musst du Recht haben”, vor sich hin und lässt das Pseudo-Malervlies unauffällig zwischen den Staubwedeln 3000 verschwinden. Gerade nochmal gut gegangen.


An der Kasse angekommen verspüre ich fast den Drang laut zu jubeln. Hier muss man froh sein, wenn man das überhaupt noch erleben darf. Nach 90 Minuten bin ich völlig fertig, um 25 € reicher (Malervlies), habe 20% auf die gesamte Rechnung gespart und 100% meiner Energie verbraucht. Hauptsache die Farbe für die nächsten 3 Umzüge haben wir im Kofferraum. Ich sag nur Pi mal Daumen … Zum krönenden Abschluss sehe ich das Unglaubliche, als wir langsam vom Parkplatz rollen: Das Schild auf dem steht: “Bitte beachten Sie die erhöhten Bordsteine”. Deutschland deine Schilder - ähnlich wie ich heute. Zur falschen Zeit am falschen Ort.


Sei spritzig – sprudel über!


Deine Jasmin



Schon gewusst: Renoviervlies und Abdeckvlies wird beides als Malervlies bezeichnet. Hier kommt es immer wieder zu Verwechslungen. Kann ich bestätigen.

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