Ich bin ein HSP, holt mich hier raus

Hochsensibel-Blog-Alltag-Bahn

Öffentliche Verkehrsmittel sind eine Freude für jeden Hochsensiblen. Da fängt der Tag gleich gut an. Von der wohligen Stille meines bescheidenen Heims, starte ich in eine wahre Geräuschs- und Geruchshölle – die S-Bahn. Heute versuche ich wie jeden Morgen in einem Spießrutenlauf einen geeigneten Sitzplatz für die nächsten 25 Minuten zu ergattern. Gekonnt scannt mein Auge die freien Sitzplätze und sendet Signale an mein HSP-Gehirn: Der Mann da vorne hat einen Coffee-to-go-Becher in der Hand – Lauf so schnell du kannst. Diesen Geruch die ganze Zeit in der Nase zu haben gleicht einem Gasangriff. Die Frau dort hinten hat gerade eine Zigarette geraucht, mach lieber einen Bogen um sie. Jugendliche mit Kopfhörern auf drei Uhr. Wenn ich keine Lust habe, mit jedem Beat mitzuwippen, sollte ich lieber weiter gehen. Der Kerl da hinten isst um 8 Uhr morgens Pommes in der Bahn? Frittenfett, olé! Nicht zu fassen, wie viele Ausschlusskriterien es für uns HSPs gibt, wenn es nur um die simple Aufgabe geht, einen Sitzplatz in der S-Bahn zu finden.


Im nächsten Vierer sitzt ein alter Bekannter. Dank ihm habe ich schon die ein oder andere Fahrt am Rande der Weißglut verbracht oder vor Verzweiflung das Weite gesucht. Unscheinbar sitzt er dort mit einem Rucksack und schaut aus dem Fenster. Und nur ich weiß, was als nächstes passiert, weil ich es schon etliche Male erlebt habe. Dieser Mann ist ein „In-der-Bahn-Frühstücker”. Er packt sein Alufolien-Brötchen aus, das eine Geräuschkulisse erzeugt, die mein Ohr um diese Uhrzeit zum Beben bringt. Doch das Schlimmste soll noch folgen: Er beißt herzhaft in sein saftiges Brötchen und beim Kauen entweicht ihm ein Schmatzen, das die Welt noch nicht gehört hat. Mach doch den Mund zu!, denke ich und starre verzweifelt auf seine geöffneten Lippen, auf denen sich Krümel mit Speichel vollsaugen und ihm auf den Schoß fallen. Ich kann meinen Blick nicht von diesem Horrorszenario abwenden, das mein schlimmster Albtraum und Faszination zugleich ist. Mensch, muss das lecker schmecken, wenn man solche Geräusche beim Essen von sich gibt, denke ich. Die asiatische Kultur sieht ja vor, dass man schmatzt, wenn es einem besonders gut schmeckt. Asien streiche ich in diesem Moment von meiner Reise-Liste.


Weiter geht's, es muss doch einen Sitzplatz in dieser Bahn geben, auf dem man entspannt sitzen und sich auf sein Buch konzentrieren kann. Mittlerweile ahne ich, dass das ein Wunschtraum ist, gebe die Hoffnung aber nicht auf und marschiere siegessicher weiter. Auf meinem Weg steigt mir ein weiterer Geruch in die Nase. Ich versuche die feinen Aromen zu orten und sehe sie. Die braungelb-ummantelte Frucht des Grauens. Es ist ... eine Banane, eine der übelsten Sorte: super reif und super knatschig. Warum essen so viele Menschen morgens in der Bahn?! Ich werde das wohl nie begreifen. Und was noch wichtiger ist: Merken die denn nicht, dass es für ihre Mitmenschen nicht besonders erquickend ist, ihnen beim Essen zuzuschauen und genauestens zu sehen, wie sie den zermahlenen Brei von einer Backe in die andere schieben? Dann gibt es noch die Kategorie, die beim Essen spricht und den Brei während des Sprechens in der Backe parkt wie ein Backenhörnchen. Wobei Backenhörnchen sehr angenehme und trollige Zeitgenossen sind. Eine Bahn voller Backenhörnchen wäre mir definitiv lieber als eine Bahn voller ... mampfender Bahnfahrer.


Zurück zur gemeinen Banane. Während die nichtsahnende Dame in sie hineinbeißt, umströmt mich ein für jeden Smoothie-Liebhaber aphrodisierender Geruch. Bei mir wird leider gar nichts aphrodisiert außer mein Wille zu flüchten oder ihr die Banane aus der Hand zu reißen. Ich schaue mich um und frage mich, wie das denn kein anderer hier in diesem Zug als abscheulich wahrnehmen kann. Merken die denn gar nichts?! Drehe nur ich hier so am Rad? Manchmal wäre das Leben wohl leichter, wenn mein größter Feind nicht Banane hieße und überall lauern könnte. Was für ein entspanntes Leben wäre das? Menschen und Bananen, die ein friedliches Leben miteinander führen und dem Brötchen-essenden „In-der-Bahn-Frühstücker” lächelnd die Hand reichen ...


Es gibt auch kleine Lichtblicke in dieser auf Gleisen fahrenden Hölle. So hat es sich tatsächlich zugetragen, dass mein Zug mitten auf dem Gleis stehen blieb (was ganz selten vorkommt, wie jeder Bahnfahrer weiß) und das Knacken eine Durchsage des Schaffners ankündigte. Die Standard-Durchsagen kenne ich als HSP schon auswendig und weiß schon bevor der langgezogene Piepton ertönt, welche der 35 Standard-Floskeln ich als Schaffner raushauen würde. Doch heute ist alles anders. Es ertönt kein „Der vor uns befindliche Streckenabschnitt ist noch durch einen anderen Zug belegt.”. Nein, heute sitzt ein scheinbar zu Späßchen aufgelegter Lokführer im Fahrerhaus und sagt mit seiner schönsten Max-und-Moritz-Erzählstimme ins Mikrofon: „Vor uns ist ein rotes Licht, weiterfahren darf ich nicht.” (SFX: Kichern) Ein Reim! Wow, einer, der die deutschen Richtlinien durchbricht und tatsächlich nach einer kurzen Verzögerung sämtlichen Fahrgästen ein Lächeln auf die Lippen zaubert (auch denen, die gerade den Mund voll haben).


Zu guter Letzt üben Menschen noch so allerlei Tätigkeiten in der Bahn aus, die nichts mit Essen zu tun haben. Vom Schminken bis zum lautstarken Telefonieren habe ich schon alles erlebt. Mein Favorit ist allerdings das Nägel feilen. Da ist nämlich für alle Sinne etwas dabei. Das junge Mädchen, das mir gegenüber sitzt, packt eine Nagelfeile aus. Ich denke: Sie feilt sich sicherlich nur eine kleine Ecke am Nagel weg, weil sie ständig an ihrem Strickpullover hängen bleibt. Dafür habe ich natürlich Verständnis – das nervt. Womit ich allerdings nicht rechne, ist, dass sie die Bahn zu einem Maniküre-Studio macht und ihre Fingernägel feilt, als gäbe es kein Morgen mehr. An dieser Stelle muss ich für alle, die es vielleicht vergessen haben, erwähnen, dass ein Mensch zehn Finger hat. ZEHN. Fröhlich rieselt also die weiße Substanz mit einem Schabgeräusch auf die blauen Polster und ich denke kurz an eine schneebedeckte Winterlandschaft. Ob das wohl genauso schön knarzt, wenn man da durch läuft? Jetzt pustet sie auch noch jedes Mal, wenn sie mit dem Feilen fertig ist, auf ihre Finger und ich halte panisch die Luft an, weil ich Angst habe, ihren gerade abgehobelten Horn einzuatmen. Ja, du hast richtig gelesen. Abgehobelter Horn. Etwas, das in keine Bahn gehört und eine wahre Zumutung ist. Aber, was lernt man in den meisten Ratgebern? Positiv denken – ihre Fußnägel macht sie zum Glück zu Hause. Alles halb so wild.

Sei spritzig – sprudel über!


Deine Jasmin

Mal so nebenbei: Noise-Cancelling-Kopfhörer sind wohl die beste Erfindung seit es S-Bahnen gibt. Smell-Cancelling-Nasenstopfer gibt es leider noch nicht.

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